Das hässliche Entlein und der Traum vom Schwan

Warum sich ständig neu erfinden auch keine Lösung ist

Das neue Supermodel, die dramatischte Drag-Queen, die Super-Mama – wir schauen gerne Menschen dabei zu, wie sie über Nacht zu einer besseren Version ihrer Selbst werden. Und abseits der Kamera versuchen wir das auch ständig selbst: Endlich dreimal die Woche Trainieren und endlich mit dem Bingen aufhören. Was im Privaten Thema ist, zeigt sich ebenso auf politischer und aktivistischer Ebene. Parteijugenden, zivilgesellschaftliche Vereine, Gewerkschaften, Antifa-Gruppen – alle stecken irgendwie in der Krise. Rufe nach Neuerfindung werden laut, um endlich wieder Menschen zu begeistern und einflussreicher zu werden. Leider müssen wir feststellen: Es gibt keine Neuanfänge, das Leben ist keine Castingshow. Vielmehr geht man bei solchen Versuchen schnell dem Neoliberalismus auf dem Leim, was wir kurz erklären wollen.

Castingshows wie RuPaul’s Drag Race, Reality-TV Formate wie Frauentausch und der neoliberale Kapitalismus (die Gesellschaft, in der wir leben) teilen sich das Konzept des Makeovers. Ein bekanntes Beispiel für das Makeover ist beispielsweise auch der Film Plötzlich Prinzessin, in dem aus dem ganz normalen Mädchen Mia über Nacht eine schillernde Prinzessin wird. Ein solcher Prozess beginnt immer mit dem hässlichen Entlein. Dieses sinnbildliche Entlein steckt in der Krise, es kann sich noch nicht professionell schminken oder ernährt, wie in Frauentausch, die Kinder nicht gesund. Bei uns als Privatpersonen zeigt sich das unter anderem in Selbstvorwürfen zu Neujahr: Eigentlich rauchst du zehn Tschick zu viel am Tag. Aber der Kalenderspruch lautet eben, gefälligst das volle Potential des eigenen Lebens auszuschöpfen. Deshalb willst du einen Neuanfang versuchen, ab morgen alles richtig machen. Politische und zivilgesellschaftliche Gruppen sind dem ebenfalls unterworfen, so zum Beispiel dieses Zeitungsprojekt: So richtig viele Follower_innen auf Facebook haben wir noch nicht.

Das Supermodel ist unglücklich

Nun sind Veränderungen natürlich absolut notwendig. Zum einen wollen wir uns persönlich weiterentwickeln, zum anderen muss linke Politik endlich wieder einflussreich werden. Was wir kritisieren ist eben, wie Veränderung im Rahmen des Makeovers passiert und was verändert wird. Dabei fällt zunächst auf, dass es häufig um Effizienzsteigerung und Steigerung der eigenen Attraktivität geht. Man will an sich selbst arbeiten, produktiver werden und Normen besser einhalten. Zum Beispiel den Lebenslauf mit tollen kreativen Projekten füllen. Bei politischen Anliegen geht es oft darum, besser mit Modelabels und der Boulevardpresse im Kampf um die Aufmerksamkeit der User_innen zu konkurrieren. In all diesen Beispielen zeigt sich eine sehr neoliberale Logik: Nie sind wir fertig mit der Arbeit und niemals ist unsere Performance ausreichend. Aus diesem Grund ist das Makeover toxisch, schädlich. Man wird den Ansprüchen nie gerecht und erst recht nicht von einem Tag auf den anderen.

Aber woher kommen eigentlich all diese Kriterien, an denen wir uns messen? Bei Castingshows bestimmen Expert_innen, was wichtig ist. Solche Expert_innen gibt es auch im alltäglichen Leben, beispielsweise Artikel in Lifestyle-Magazinen, Influencer_innen oder einfach die eigenen Freund_innen. Aber das Problem der toxischen Ansprüche an uns selbst ist nicht gelöst, wenn wir diese Autoritäten aus unserem Leben verbannen. Denn letztlich fordern sie Normen ein, die gesellschaftlich gültig sind und die jeder Mensch verinnerlicht hat. Du bist dir also selbst der_die schlimmste Chef_in. Im Neoliberalismus wird es immer heißen, dass du noch schöner, besser, schneller, flexibler, billiger, engagierter, ungebundener sein sollst. Aber folgt daraus wirklich, dass du dich mehr selbst liebst, ein schöneres Leben führst oder Erfahrungen machst, die deinen Horizont erweitern? Wahrscheinlich ist das nächste Praktikum einfach nur zach und viel unbezahlte Arbeit, der neue Trainingsplan auch nur ein weiterer Zwang.

Das Makeover ist keine wirkliche Veränderung

Ganz schnell kommt man sich deshalb durch das Makeover fremd vor. Die gestellten Ansprüche sind eigentlich nicht die eigenen, sondern die Ansprüche einer brutalen und unfreien Gesellschaft. Entsprechend kurzlebig ist dann auch die Veränderung: Nach einer Woche isst du drei ganze Tafeln Schokolade, der scheinbare Fortschritt bricht zusammen. Es zeigt sich: Das Makeover ist eine auslaugende und selbstzerstörerische Form der Veränderung. Und so ist es auch mit dem Fortschritt im Neoliberalismus. In einem Anflug von Größenwahn sollen neue Produkte über Nacht die Welt revolutionieren – und erweisen sich in der Realität als irrelevant. Das gerade neu gegründete Start-Up geht bereits nach einem Jahr pleite, Existenzen werden zerstört, alle Ressourcen gehen verloren. Aus diesem Grund halten wir die Idee der plötzlichen Neuerfindung gerade für kleine politische Projekte fatal. Solche Ideen kommen nämlich dann auf, wenn die Beteiligten eh schon am Limit sind und Perspektivlosigkeit herrscht. Anstatt einen Gang zurückzuschalten und langsam wieder zu Kräften zu kommen, wird das Burn-Out bewusst herbeigeführt. Statt einer entspannten Reflexion darüber, was gut läuft und fortgeführt werden kann, wird alles radikal umgeschmissen und sich ins nächste Vorhaben gestürzt.

Stehenbleiben ist natürlich ebenso fatal. Tatsächlich haben wir als Individuen viele ungenutzte Möglichkeiten, die uns durch Ängste und Konkurrenzzwang geraubt werden. Eine linke Bewegung hat abseits der eigenen Blase kaum noch Einfluss, obwohl wir die besten Argumente haben. Aber weder für uns persönlich, noch für linke Politik wird es einen Neuanfang geben. Uns bleibt ein langer (Um)Weg, ein stetiges Aufpäppeln. Worin dieser Weg möglicherweise bestehen könnte, wird ein kommender Artikel überlegen.

– by Wolfi Schwanenhals

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