„Wir wollen kollektiv statt vereinzelt wohnen“ (Ausgabe #6)

Wir haben mit Josefa und Rainer vom Hausprojekt SchloR über gemeinschaftliches Wohnen, ihre Zukunftspläne und das habiTAT-Netzwerk gesprochen.

– by Martin Bernstein

»Martin: Wer seid ihr und was macht ihr? Stellt euch doch bitte mal kurz vor.

Rainer: SchloR ist ein Kollektiv von 18 Leuten. Vom Altersschnitt sind wir zwischen 1 und 41 Jahre alt, das Verhältnis von Frauen und Männern ist 60 zu 40. Wir haben unterschiedliche politische Backgrounds, sind aber alle Teil der Wiener Linken. Im Sommer 2019 – im Juli – haben wir ein Grundstück in Wien Simmering in der Rappachgasse 26 gekauft. Dieses Grundstück bauen wir in den nächsten zwei Jahren um, um dort Wohn-, Kultur- und Veranstaltungsräume zu schaffen. 

Josefa: SchloR ist Teil des habiTAT-Netzwerks. Das habiTAT ist ein Zusammenschluss verschiedener Hausprojekte in Österreich. Bisher gibt es 5 bestehende Häuser und ein paar sind in Planung. Gleichzeitig ist das habiTAT der Schwesterndachverband vom Mietshäusersyndikat in Deutschland. Im Mietshäusersyndikat sind ungefähr 150 Haus- und Wohnprojekte organisiert.

»Martin: Was ist euer Anspruch an Wohnen? Was bedeutet Zuhause oder Zuhausesein für euch?

Rainer: Die Mitglieder von SchloR verbindet der Wunsch nach kollektivem statt vereinzeltem Wohnen. Das Leben in WGs hat uns nicht gereicht. Wir wollten unseren Wohnraum zusammen gestalten. Darüber hinaus ist unser Projekt besonders, weil wir über eine 500m² große Trainingshalle verfügen und bald auch Werkstätten, Ateliers und einen Seminarraum bauen werden. Das heißt, auf unserem Gelände gibt es eine Art Gewerbeteil. Dort hat man die Möglichkeiten zu arbeiten und künstlerisch, kulturell, oder handwerklich tätig zu sein. Es geht bei uns also um viele Bereiche des Zusammenlebens, aber unser gemeinsamer Ausgangspunkt  ist der Wunsch nach einem anderen Wohnen.

Josefa: Der Wunsch nach gemeinsamen Leben schlägt sich auch in der Gestaltung unseres Wohnraums nieder: Es gibt bei uns keine Einzelwohnungen, wir wollen möglichst viele gemeinschaftliche Räume und Flächen. Persönlich kann ich es mir nicht mehr vorstellen, alleine zu wohnen. Ein Teilaspekt unseres Projektes ist außerdem, Wohnen und Arbeiten näher zusammenrücken, Selbstverwaltung und Solidarität sind da zentral. Daher gibt es beispielsweise die Idee, dass in Zukunft abends immer für alle gekocht wird. Das ist nicht nur aus praktischen Gründen super, sondern ich freu´ mich dann auch drauf, nach Hause zu kommen und mit den anderen abzuhängen.  

»Martin: Ihr habt vorhin schon das habiTaT angesprochen – könnt ihr vielleicht kurz erklären, was das genau ist und wie es funktioniert?

Josefa: Das Konzept des habiTAT ist an das Modell des deutschen Mietshäusersyndikats angelehnt. Im Kern wurde bei diesem Konzept der Genossenschaftsgedanke noch einmal radikalisiert, oder man könnte auch sagen, politisiert. Auch in der Genossenschaft schließen sich mehrere Personen zum wechselseitigen Vorteil zusammen, um gemeinschaftlich zu wirtschaften. Was uns von Genossenschaften unterscheidet, ist, dass Leute, die bei uns mitmachen wollen, keine Eigenmittel brauchen. Die habiTaT Häuser werden einerseits über Geld des Netzwerks finanziert und andererseits über Direktkredite. 

Zugleich besitzt niemand einen privaten Anteil an den gekauften oder gebauten Häusern, wie das bei Genossenschaften üblich ist. In unserem Fall heißt das, dass Haus und Grundstück offiziell der SchloR GmbH gehören. Gesellschafter*innen sind zum einen unser Hausverein mit 51 % und das habiTAT mit 49 % . Das habiTaT hat außerdem ein Vetorecht, wenn die Immobilie verkauft werden soll. Das verhindert, dass sich irgendwer selbst bereichern kann. Über die konkrete Nutzung und Gestaltung des SchloR Hauses entscheiden die aktuellen Bewohner*innen.  

Rainer: Entwickelt worden ist dieses Konzept in den 1980er Jahren aus der Hausbesetzer_innenbewegung in Freiburg heraus. Dort wurde ein Grundstück, so ähnlich groß wie die Arena Wien, besetzt. Die Besetzer_innen haben sich überlegt, wie sie dieses Grundstück langfristig halten können, ohne es selber zu privatisieren und so Teil einer marktförmigen Logik zu werden und damit auch Teil von Grundstückspekulation oder steigenden Immobilienpreisen. Wie kann man davon eben nicht Teil werden? Wie kann man es radikal anders machen und den Besitz auflösen und vergesellschaften? Und wie kann man diesen Besitz trotzdem langfristig absichern und der Gefahr einer Räumung durch die Polizei entgehen? Diese Überlegungen sind der Ursprung unserer heutigen Arbeitsweise.

»Martin: Inzwischen gibt es bei euch zweimal im Monat einen Barabend, das Gelände ist gekauft und wie alles einmal aussehen soll, wisst ihr auch schon. Was sind die weiteren konkreten Schritte? 

Rainer: Genau, wir haben im Juli dieses Grundstück gekauft und stehen jetzt seit Herbst auch im Grundbuch. Gleichzeitig haben wir Schritt für Schritt mit der Nutzung der bestehenden Gebäude begonnen. Dazu gehört unter anderem die schon erwähnte Trainingshalle, die wir TRAP nennen – Trainingshalle Rappachgasse. Der Plan ist, die Halle gemeinsam mit Leuten aus der freien Zirkusszene und Leuten, die kostenlose Trainingsmöglichkeiten suchen, zu bespielen. Dafür gibt es eine eigene Nutzer_innengruppe. Das heißt, wir bestimmen nicht alleine über diese Halle, sondern wir verwalten sie mit den Nutzer_innen gemeinsam. In einem anderen Trakt werden unsere Werkstätten entstehen. Wie du richtig gesagt hast, findet bei uns ein regelmäßiger Barabend statt. Daneben gibt es diverse andere kulturelle Veranstaltungen, wie zum Beispiel  Konzerte aller Art. Wir haben auch begonnen, einen Raum für externe Gruppen zur Verfügung zu stellen: Da können kleinere Klausuren, diverse Festivitäten und auch Benefizveranstaltungen stattfinden. 

Josefa: Eine erste Bauphase startet mit Frühjahr 2020. In diesem Zeitraum sollen die ersten Werkstätten fertig werden. Insgesamt sind eine Holz- und eine Metallwerkstatt, Büros, Ateliers, zwei Proberäume und eine Gastroküche geplant. Auch einen Seminarraum werden wir am Grundstück haben. All das wollen wir dort unterbringen. Wichtig ist dabei immer, dass wir die entstehenden Räume zusammen mit zukünftigen Nutzer_innen gestalten. Das heißt, das Gelände von SchloR soll nicht nur für uns zur Verfügung stehen. Wir wollen unsere vielfältigen Möglichkeiten auch Nachbar_innen und linke Gruppen zugänglich machen. Wenn Leute die Räumlichkeiten nutzen wollen, um dort Geld zu verdienen und sich dafür tageweise einmieten möchten, würde das grundsätzlich auch gehen. Wir sind da offen.

»Martin: Das klingt super. Gibt es noch irgendwelche Möglichkeiten, wie man euch unterstützen kann?

Josefa: Man kann uns natürlich unterstützen und auch gerne mitmachen. Zum Beispiel hat die besagte Trainingshalle offene Treffen für Interessierte. Wer dort aktiv werden mag, kann einfach vorbeikommen. Jenseits davon freuen wir uns nach wie vor über Direktkredite. Für die vollständige Finanzierung der Bauarbeiten in den nächsten zwei Jahren fehlen uns noch ungefähr 300.000 Euro. Diese Finanzierungslücke wollen wir natürlich so schnell wie möglich schließen.

Rainer: Wer will kann Summen von 500 bis 50.000 Euro bei uns anlegen. Das geht sehr einfach und unkompliziert. Man bekommt dafür auch Zinsen. Also, falls wer zu viel Geld am Sparbuch liegen hat und nicht weiß was tun damit, wir freuen uns!

»Martin: Danke für das Interview!

Weitere Informationen zu SchloR sowie dem habiTAT und Mietshäusersyndikat findest du unter schlor.org, habitat.servus.at und syndikat.org. Um auf dem aktuellen Stand zu bleiben, kannst du SchloR außerdem auf Instagram, Facebook und Twitter folgen.

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