Incel looking for Home (Ausgabe #6)

Der Film Joker zeigt den gleichnamigen Anti-Helden als Versager, der sich nicht mehr wohl fühlt: Weder in Gotham, noch in der Wohnung seiner Mutter. Mit Gewalt errichtet er sich ein neues Zuhause.

– by Armin Strasser 

Todd Phillips hat mit seiner Neuverfilmung des berühmt-berüchtigten Joker polarisiert. Wenn der König des Bro-Humors (Hangover) eine wirklich düstere Version des Superschurken zusammen mit dem Schauspieltalent Joaquin Phoenix dreht, dann ist das ein explosiver Mix. Schnell war die Diagnose klar: Der Film huldigt den Fantasien sexuell frustrierter Männer, neuerdings Incels genannt, und verherrlicht Gewalt. Tatsächlich zeigt der Film aktuelle Vorstellungen von Männlichkeit, die in Form des Jokers Gestalt annehmen. Als Reaktion auf das eigene Versagen greift dieser zur Waffe und errichtet sich ein schreckliches Zuhause in der Hölle, die sich Gotham City nennt.

Why so serious?

Der Joker ist aber nicht wirklich ein Incel. Denn dabei handelt es sich um eine Subkultur, die in den 90ern entstanden ist und in Gotham schlichtweg nicht existiert. Incel steht für Involuntary Celibacy, also für den unfreiwilligen Verzicht auf Sex. Diese Community verstand sich ursprünglich als empathischer Raum für Leute, die Probleme mit ihrer Sexualität haben. Sie beherbergte Menschen, die sich nicht Zuhause fühlten, weder im eigenen Körper noch sonstwo.

„Tatsächlich zeigt der Film Joker aktuelle Vorstellungen von Männlichkeit.“

Dieser fortschrittliche Anspruch ist längst verloren gegangen: Heute dominieren Verachtung von Frauen, Vergewaltigungsfantasien und aggressiver Selbsthass die Szene. Als Incels bezeichnen sich praktisch ausschließlich Männer*, die sich minderwertig fühlen. Gleichzeitig werfen sie Frauen* vor, ausschließlich Sex mit Chads – Machos – haben zu wollen und überhaupt die Schuld an ihrem Unglück zu tragen. Hier zeigt sich eine Weltsicht, die sowohl für ihre Anhänger selbst, als auch für Frauen* gefährlich ist.

Obwohl der Joker kein Incel ist, wirkt er wie einer: Seine verzweifelte Zynik, die traurige Existenz als Muttersöhnchen und die Verachtung seiner Existenz durch die Gesellschaft – das passt. Und weckt Empathie, denn jede_r kennt so einen Typen. Sein Durchdrehen, die Mordfantasien, der Griff zur Waffe – auch das ist erschreckend bekannt.

Der tragische Anti-Held

Filmisch produziert Regisseur Phillips eine psychologische Charakterstudie. Joker setzt auf Nähe zu seinem Anti-Helden, die Kamera klebt am Körper von Phoenix. Gezeigt wird die Verwandlung des ganz normalen Arthur Fleck zum Bösewicht Joker, dessen Wut nachvollziehbar bleibt. Aber der Wahnsinn des Jokers ist dessen unentrinnbares Schicksal, denn Arthur genießt praktisch keine Handlungsfreiheit. Deshalb muss sich der Charakter auch nie für seine Gewaltexzesse rechtfertigen und erscheint stets als Opfer. Er ist das Produkt von Kindesmissbrauch, der korrupten Stadt Gotham und der düsteren Wohnung seiner Mutter. Anfangs versucht Arthur noch, sich ein positives Zuhause in dieser Welt aufzubauen. Aber er ist zum Scheitern verurteilt, fühlt sich entmännlicht, impotent. Ein Gefühl, das auch den Hass von Incels nährt.

„Heute dominieren Verachtung von Frauen, Vergewaltigungsfantasien und aggressiver Selbsthass die Incel-Szene.“

Erst die Waffe verleiht ihm Macht, sie findet dabei wie durch Magie zu ihm. Mit jedem Mord geht es ihm besser und die Realität weicht einer Wahnvorstellung, in der er die Frau seiner Träume (zynisch-verschwörerisch gespielt von Zazie Beetz) erobert. Ob er sie umbringt, bleibt offen. Somit errichtet sich der Joker ein negatives Zuhause, so düster wie Gotham selbst. Der Film endet in einer brutalen Revolution mit dem Joker als unfreiwilliger Galionsfigur. Ernstzunehmen an der Witzfigur Joker ist bis zuletzt nur die Gewalt, die von ihm ausgeht.

Bestätigte Männlichkeitsfantasien

Arthur muss zum Joker werden, sein Leben lässt ihm scheinbar keine Wahl. Die grausame Welt Gothams führt zielsicher zur Gewalt: Gerade als die Stadt droht, Arthur auszukotzen, kann er sich durch Morde behaupten. Aber auch das gewährt ihm keine Ruhe. Für Männer wie Joker gibt es keine Geborgenheit, das würden sie als Schwäche empfinden. Stattdessen drängt der Anti-Held mit seinem Rachefeldzug in die Öffentlichkeit.

„Für Männer wie Joker gibt es keine Geborgenheit, das würden sie als Schwäche empfinden.“

Es ist diese Selbstbestätigung aggressiver Männlichkeitsfantasien, die so viel Kritik am Film geweckt hat. Die Gewaltexzesse sehen so verdammt gut aus und Phoenix ist eine Nikotin-getränkte Schönheit. Aber Joker ist am Ende eben doch ein Superheld_innenfilm und kein Sozialdrama. Für Regisseur Phillips ist das eine bequeme Ausflucht vor der Frage, wie man gesellschaftlich mit aggressiver Männlichkeit umgehen sollte.

Mehr:

Der letzte Dreck
Rezension von Veronika Kracher für konkret. Online unter konkret-magazin.de.

Our incel problem
Umfangreiche Reportage von Zack Beauchamp zur Incel-Subkultur für Vox.
Online unter vox.com.

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