Krisenmodell Männlichkeit (Ausgabe #6)

Sexuelle Gewalt ist fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Über 90 Prozent aller Übergriffe gehen von Männern* aus. Warum ist das so und was können wir dagegen unternehmen?

by Levin Weiher

Sexuelle Gewalt trifft vor allem Frauen* und das meist zuhause. Die überwiegende Mehrheit der Täter ist männlich und stammt aus dem nahen sozialen Umfeld der Betroffenen. Das ist kein Zufall, sondern hängt stark mit Männlichkeit und Weiblichkeit zusammen. Entgegen dem weit verbreiteten Mythos spielt natürliche Veranlagung dabei keine Rolle. Hormone machen keine Vergewaltiger. Der männliche Hang zu Gewalt ist gesellschaftlichen Ursprungs. 

„Es ist ein Junge!”

Männlichkeit ist mehr als Anatomie. Was sie ausmacht, wird erst im Zusammenleben der Menschen ausgehandelt. Unser alltägliches Reden, Handeln und Denken bestimmt, wie Männer* zu sein haben. Ein eindeutiges Ergebnis gibt es dabei nie. Es kursieren immer unterschiedliche, teils sogar widersprüchliche Vorstellungen davon, was Männlichkeit ist. Konfrontiert werden mit ihnen schon die Kleinsten. Von Anbeginn unseres Lebens werden wir als Junge oder Mädchen behandelt. Entsprechend früh beginnt die Verinnerlichung von Geschlechterbildern und -normen. Schon Kindergartenkinder kennen ihr Geschlecht genau und wissen, welches Verhalten diesem entspricht. 

„Unser alltägliches Reden, Handeln und Denken bestimmt, wie Männer* zu sein haben. Ein eindeutiges Ergebnis gibt es dabei nie.”

Hinter den Kulissen jedoch tobt ein Konflikt. Junge* oder Mädchen* zu werden, bedeutet stets Entsagung. Eigene Wünsche und Bedürfnisse geraten in Widerspruch zum männlichen oder weiblichen Ideal. Im Versuch, dem Ideal zu entsprechen, werden sie verdrängt. Einmal ins Unbewusste abgeschoben, geben die unerwünschten Selbstanteile jedoch keine Ruhe. Es bedarf eines konstanten psychischen Aufwandes, sie unter Kontrolle zu halten. Keineswegs handelt es sich bei diesem Prozess um einen bewussten Akt. Er vollzieht sich gewissermaßen unter der Oberfläche unserer Wahrnehmung und lässt sich nur durch gezielte Reflexion zum Vorschein bringen. 

Das Dilemma männlicher Sexualität

Gegenwärtig stellt Unabhängigkeit ein zentrales Element von Männlichkeit dar. Ein Mann* ist eigenständig und in seinem Tun nicht auf andere angewiesen. Real einlösen lässt sich dieser Anspruch jedoch nicht. Er scheitert mitunter an einem der fundamentalsten Aspekte des Lebens, der Sexualität. Sexualität bedeutet immer auch Abhängigkeit. Sobald ein Mann* eine Frau* begehrt, braucht er sie. Er ist zur Befriedigung seines Begehrens auf sie angewiesen.

„Zur Gefahrenquelle wird Männlichkeit besonders in Zeiten gefühlter Krise.”

Sexualität bringt somit eine dauerhafte Bedrohung von Männlichkeit mit sich und führt in ein Dilemma: Sie ruft nicht bloß Zuneigung zur begehrten Frau* hervor, sondern auch aggressive Gefühle ihr gegenüber. Die Frau* stört das männlichen Selbstbild und wird daher zum Hassobjekt.

Gefühlte Krise und Gewalt

Zur Gefahrenquelle wird Männlichkeit besonders in Zeiten gefühlter Krise. Krisenerfahrungen verweisen stets mit Nachdruck auf Schwäche und Unsicherheit. Beides ist schwer mit dem männlichen Selbstbild zu vereinbaren, bedeutet Unabhängigkeit doch Stärke und Souveränität. Das sie gleichzeitig durch Begehren verunmöglicht ist, wird vor dem Hintergrund solcher Verunsicherung zum Salz in der offenen Wunde. Sexuelle Gewalt ist eine Möglichkeit auf diese Situation zu reagieren. Die Unterwerfung der begehrten Frau* soll Abhängigkeit durch Kontrolle ersetzen. Sie soll die Frau* zum Objekt degradieren und der männlichen Verfügungsgewalt ausliefern. Sexuelle Gewalt stellt somit einen Versuch dar Gefühle der Unzulänglichkeit auszugleichen und Männlichkeit zu stabilisieren. Lust und Aggression werden dabei Hand in Hand ausgelebt.

Was tun?

Sexuelle Gewalt muss auf mehreren Ebenen bekämpft werden. Einerseits braucht es konkrete Schutzmaßnahmen für betroffene Frauen*. In jahrelanger feministischer Arbeit wurden Beratungsstellen, Gewaltschutzgesetze und Frauenhäuser erstritten. Diese Errungenschaften müssen wir stärken und gegebenenfalls gegen politische Angriffe von Rechts verteidigen. Wichtig ist etwa der Ausbau staatlicher Unterstützungszahlungen an gewaltbetroffene Frauen*. Keine Frau* sollte aufgrund finanzieller Abhängigkeit bei ihrem übergriffigen Partner bleiben müssen. 

„Sexuelle Gewalt zielt auf die Unterwerfung der begehrten Frau*. Durch diese Unterwerfung soll Abhängigkeit verleugnet und die eigene Männlichkeit stabilisiert werden.”

Andererseits ist eine öffentliche Debatte zu den Ursachen sexueller Gewalt notwendig. Anstelle von verharmlosenden oder rassistischen Pseudoerklärungen muss eine Auseinandersetzung mit vorherrschenden Männlichkeitsbildern treten. Es geht darum, eine Problemanalyse zu etablieren, die sexuelle Gewalt als Produkt unserer Gesellschaft anerkennt und ernst nimmt. 

Unsere größte Herausforderung besteht darin, eine empathische Männlichkeit zu fördern. Eine Männlichkeit, die Abhängigkeit zulässt und Uneindeutigkeit aushält. Eine Männlichkeit, die innere Widersprüche erlaubt, anstatt sie zu verleugnen. Einen Ansatzpunkt dafür bietet unter anderem die pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Pädagog_innen können helfen psychische Konflikte rund um Männlichkeit und Weiblichkeit zu thematisieren und zu bearbeiten. Sie haben die Chance junge Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht zu unterstützen und dabei einen langfristigen Unterschied zu machen. 

Mehr:

Die männliche Subjektkonstitution – Sexualität, Gewalt und Abwehr
Ein Vortrag von Rolf Pohl, zu finden auf YouTube.

Aggression und Männlichkeit
Ein Vortrag von Christoph Müller, online auf agpolpsy.de.

Der gemachte Mann – Konstruktion und Krise von Männlichkeiten
Ein feministischer Klassiker von Raewyn Connell.