„Es braucht eine politische Perspektive“ (Ausgabe #5)

Im Interview sprechen Julia Prassl von den Jungen Linken Wien und Stephan Prokop von der Plattform Radikale Linke über politische Praxis und linke Utopie.

– by Levin Weiher

»Levin: Bitte erzählt kurz, welche Aufgaben und Herausforderungen eure Organisationen derzeit besonders beschäftigen?

Julia: Seit unserer Gründung im Sommer 2018 sind wir ziemlich gewachsen. Eine Herausforderung, vor der wir stehen, ist daher, viele motivierte Leute in unsere Arbeit einzubinden. Es geht darum, neuen Mitgliedern bestärkende Erfahrungen zu ermöglichen: Wie lassen sich in einem bundesweiten Verband mit über 200 Leuten Entscheidungen treffen? Wie können Debatten produktiv geführt werden und wie funktioniert Basisdemokratie bei den Jungen Linken? Erfolgreich zu wachsen, ist aber nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein wichtiges Ziel der Organisation. Um in der Geasellschaft etwas bewegen zu können, müssen wir mehr werden. Dafür braucht es eine politische Perspektive. Eine politische Perspektive, die wir Junge Linke erarbeiten und aufzeigen wollen. Wir wollen einen Raum bieten, in dem Menschen lernen, ihre Wut und ihre Ohnmacht bewusst wahrzunehmen und zu verstehen, woher sie kommt. Es gibt einen Zusammenhang zwischen unseren alltäglichen Problemen und der Gesellschaft, in der wir leben. Das Ziel ist es, diesen Zusammenhang zu begreifen und daraus einen Handlungsauftrag abzuleiten.

Stephan: Wir haben uns im Nachgang des „Sommers der Migration” im Jahr 2015 und als Reaktion auf darauf folgende, rechte Aufmärsche gegründet. Wir wollten Kräfte bündeln und gemeinsam gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft aktiv werden. Aktuell beteiligen wir uns an unterschiedlichen politischen Projekten. Bei uns gibt es Gruppen, die viel feministische Arbeit machen, aber auch Antifaschismus und der Protest gegen die „Festung Europa” spielen eine wichtige Rolle. Außerdem suchen wir nach Möglichkeiten, Lohnarbeit fundamental infrage zu stellen. Gerade diskutieren wir, welche Rolle Arbeitskämpfe in diesem Zusammenhang spielen können. Die Herausforderung, vor der wir stehen, ist, aufzuzeigen, dass verschiedene soziale Probleme eng miteinander verbunden sind. Sie alle wurzeln in der kapitalistischen Gesellschaft. Wir wollen unterschiedliche Bewegungen näher zusammen bringen und eine Perspektive jenseits von Ausbeutung, Konkurrenz und Herrschaft stark machen.

»Levin: „Perspektive” ist ein gutes Stichwort. Mich würde interessieren, warum die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft für eure Arbeit wichtig ist, auch wenn sie sich in weiter Ferne befindet?

Julia: Zum einen sind Utopien eine Möglichkeit, sich selbst und andere Leute zu motivieren. Der politische Alltag ist oft anstrengend, da hilft es manchmal, das große Ganze zu sehen und sich vor Augen zu führen, warum man das alles überhaupt macht.

Gleichzeitig braucht es politische Utopien, weil die Gesellschaft ohne sie keine Entwicklungsmöglichkeiten hat. Die Utopie ist zwar nicht real vorhanden, aber in unserem Denken existiert sie bereits. Ohne das Wissen und den Wunsch, dass alles ganz anders werden kann, gibt es keinen Anreiz, für Veränderung aktiv zu werden.

Stephan: Bei dem Punkt würde ich voll zustimmen. Utopien sind einfach wichtig für emanzipatorisches Begehren. Utopische Bilder zeigen uns, was alles möglich wäre und gleichzeitig führen sie die Trostlosigkeit der Gegenwart vor Augen. Wir als Plattform Radikale Linke wollen jetzt schon Keimformen der Utopie aufbauen und vorantreiben. Uns ist wichtig, die Zukunft zu einer die Gegenwart verändernden Kraft zu machen. Es wird nicht einfach irgendwann eine Revolution geben und dann ist die Utopie plötzlich da.

»Levin: Um die Gesellschaft zu verändern, braucht es nicht nur ein Ziel, sondern auch politischen Einfluss. Über diesen verfügt die Linke derzeit kaum. Gleichzeitig herrscht bei vielen Leuten ein Gefühl der Ohnmacht. Was sind eure Antworten auf diese Situation?

Stephan: Tatsächlich ist die Ohmacht ja nicht nur gefühlt, sondern oft auch real. Als Individuen stehen wir vielen gesellschaftlichen Entwicklungen machtlos gegenüber. Für den Staat und die Wirtschaft ist das einzelne Individuum ersetzbar. Das Verrückte daran ist nur, dass dieser Zustand durch das Handeln von Menschen überhaupt erst hervorgebracht wurde. Dementsprechend kann er auch von Menschen verändert werden. Weil diese Veränderbarkeit aber so illusorisch wirkt, fangen viele an, ihr Unglück zu bejahen. Um ihr Leben leichter zu ertragen, identifizieren sie sich mit der leidvollen Gesellschaft. Im Umkehrschluss werden alle, die an der Möglichkeit grundlegender Veränderung festhalten, als „Spinner” verachtet und gehasst.

Um aus der Ohnmacht herauszukommen, ist es wichtig, Organisationen aufzubauen und aus der Vereinzelung auszubrechen. So können wir versuchen, wieder Handlungsmacht zu gewinnen. Ganz wichtig sind dabei nicht nur praktische Erfahrungen, sondern auch theoretische Arbeit und Kritik. Durch diese erkennt man überhaupt erst, wo genau die Probleme liegen und wo Veränderung ansetzen muss.

Julia: Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise größere landes- und bundesweite Kongresse helfen, mit der eigenen Ohnmacht umzugehen. Dort merkt man, dass man nicht alleine ist mit der eigenen Wut und dem Unverständnis darüber, dass alles so beschissen zugeht in dieser Gesellschaft.

Darüber hinaus gibt es noch unterschiedliche lokale Kämpfe, die uns zuversichtlich stimmen können. Dieses Frühjahr ist ein Mitglied der Jungen Linken als Spitzenkandidat der KPÖ Plus in den Salzburger Gemeinderat eingezogen. Wir haben diesen Wahlkampf als Organisation tatkräftig unterstützt und dabei ziemlich viele Menschen erreichen können. Durch das Mandat in Salzburg können wir zeigen, was unsere Vorstellungen von guter Stadtpolitik sind und hoffentlich noch mehr Leute für uns gewinnen. In der Praxis – und Wahlkampf ist für uns eine Praxis – lassen sich viele Erfahrungen sammeln, die man sonst gar nicht machen würde. So versuchen wir, uns Stück für Stück Handlungsräume zurückzuholen.

Was noch gegen Ohnmachtsgefühle hilft, ist, sich kleine Etappenziele zu stecken und immer wieder zu schauen: Was haben wir erreicht? Was konnten wir umsetzen? Das lässt sich dann auch mal feiern. Natürlich sollte man sich nicht ständig für Kleinigkeiten auf die eigene Schulter klopfen. Aber klar zu sehen, was man geschafft hat, gibt trotzdem ziemlich viel Kraft.

»Levin: Julia hat das Thema Wahlen bereits angesprochen. Warum hat sich denn die Plattform Radikale Linke entschieden, prinzipiell nicht an Wahlen teilzunehmen?

Stephan: Man macht sich Illusionen, wenn man so tut, als ob in der staatlichen Politik alles möglich wäre. Tatsächlich sind ihr krasse Begrenzungen auferlegt. Ihre Handlungsmöglichkeiten basieren letztlich nur auf der Besteuerung von Mehrwert und Löhnen. Ohne diese Steuern gibt es kein Geld, um den ganzen Betrieb am Laufen zu halten. Wenn sie sich nicht selbst die Grundlage entziehen will, ist die Politik also gezwungen, im Sinne der Wirtschaft zu handeln. Sie muss dafür sorgen, dass der eigene Staat in der Weltmarktkonkurrenz vorankommt und als Wirtschaftsstandort attraktiv bleibt. Folglich kann man sich zwar mit großen Zielen in die Politik begeben, dann läuft man aber ständig gegen eine Wand. Irgendwann akzeptiert man diese Wand als Grenze des eigenen politischen Handelns. Deshalb wollen wir nicht Teil irgendwelcher Institutionen sein. Für radikale Veränderung braucht es eben auch eine neue Art der Organisation und der politischen Praxis. Nur so ist es möglich, über die bestehende Gesellschaft hinaus zu weisen.

»Levin: Wie gehen denn die Jungen Linken mit solcher Kritik um?

Julia: Ich würde Stefan in seiner Analyse nicht widersprechen, ich würde nur etwas anderes davon ableiten. Wir glauben auch nicht, dass man über Wahlen grundlegende Veränderung erzielen kann. Dafür braucht es umfangreiche außerparlamentarische Arbeit. Es braucht eine Linke, die in den Bezirken und Gemeinden verwurzelt ist und Menschen ermutigt, Politik selbst in die Hand zu nehmen. Gleichzeitig ist das Parlament natürlich immer eine Bühne. Diese Bühne können wir nutzen, um das Vertrauen der Leute zu gewinnen und in ihnen den Glauben zu wecken, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Außerdem macht es schon einen Unterschied, wer die Macht im Staat hat. Eine linke Kraft im Parlament könnte, trotz aller Einschränkungen, konkrete Verbesserungen für die Menschen erreichen. Das würde auch den Zuspruch, den die Linke grundsätzlich erfährt, deutlich erhöhen.

Stephan: Da möchte ich nochmal kurz einhaken. Selbstverständlich ist es uns nicht egal, wer beispielsweise Innenminister ist, weil das reale Auswirkungen auf Menschen hat. Wir fänden es auch nicht schlecht, wenn eine wirklich linke Partei im Parlament sitzt. Trotzdem muss man sich bewusst sein, dass staatliche Politik letztlich immer auf Gewalt basiert. Daran ändert sich selbst dann grundsätzlich nichts, wenn Linke das Sagen haben. Gleichzeitig braucht es nicht unbedingt eine Partei, um die Lebenssituation der Menschen konkret zu verbessern. Das sieht man gerade ganz gut an der Gelbwestenbewegung in Frankreich. Die ist mit ihren Forderungen weiter gekommen als jede linke Partei oder Gewerkschaft in den letzten Jahren.

»Levin: Eine abschließende Frage hätte ich noch. Sie betrifft das immer wieder heiß diskutierte Thema Organisation und Hierarchien. Wie geht ihr denn mit Hierarchien in euren Organisationen um?

Stephan: Klar ist, in jeder Gruppe gibt es gewisse Arten von Hierarchien. Unsere Antwort auf dieses Problem kann aber nicht sein, diese einfach zu formalisieren. Wenn wir für Lebens- und Beziehungsformen frei von Konkurrenz, Ausschluss und Herrschaft eintreten, muss sich das nämlich auch in unserer Zusammenarbeit niederschlagen. Darum versuchen wir, Hierarchien so weit wie möglich abzubauen. Das braucht natürlich ständige Reflexion.

Julia: Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der sich alle frei entfalten können. Ob diese Gesellschaft hierarchiefrei ist, wird sich erst zeigen. Hierarchien sind jedenfalls nicht das gleiche wie Herrschaft. Für uns als Verband stellen sie ein Problem dar, wenn sie unkontrolliert und undurchsichtig sind. Daher versuchen wir, sie transparent und demokratisch zu gestalten. So lässt sich auf ganz andere Weise mit ihnen umgehen. Man kann über die Arbeit von gewählten Gremien einfach gewinnbringender debattieren als über die Arbeit von Privatpersonen.

»Levin: Danke für das Gespräch!

Weitere Informationen zu den Jungen Linken sowie zur Plattform Radikale Linke findest du unter:
jungelinke.at
radikale-linke.at

Dieser Artikel erschien im Herbst 2019 in der UNTER PALMEN #5 ›Etwas fehlt‹. Du kannst diese und alle weiteren Ausgaben kostenlos bestellen sowie ein ebenfalls kostenloses Abo abschließen.
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Credits für Grafiken & Fotos: Katinka Irrlicht (irrlicht-impressions.com, Instagram @katinkastrophic)

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