Was kommt nach der Warteschleife? (Ausgabe #5)

Ein Anruf bei der Hotline für Utopie.

– by Helena Specht und Mirlo Wonne

Guten Tag! Sie haben die Nummer der kostenlosen Beratungshotline für Utopie gewählt. Wenn Sie eine allgemeine Beratung wünschen, drücken Sie bitte die 1. Wenn Sie ihre Utopie gerne umtauschen würden, drücken Sie die 2. Und für Kritik und Verbesserungsvorschläge wählen Sie die 3.

Anonyme Hotline für Utopie und das schöne Leben. Was kann ich für Sie tun?

»Hallo, ich wollte mich mal bei Ihnen erkundigen. Was ist denn eigentlich diese „befreite Gesellschaft“, von der immer die Rede ist?

Es geht darum, ein möglichst gutes Leben für möglichst viele Menschen einzurichten. Das bedeutet materielle Sicherheit, aber gleichzeitig auch möglichst große persönliche Freiheit. Der erste Schritt wäre, dass niemand mehr hungern muss und alle Menschen ein Zuhause haben.

»Und wie soll das funktionieren?

Das schöne Leben für alle kann es nicht geben, wenn die Produktion auf Profit ausgerichtet ist. Denn dadurch entsteht Konkurrenz, die sich auf alle Lebensbereiche auswirkt. Das bedeutet, dass es auch immer Verlierer_innen gibt. Profit lässt sich nur erwirtschaften, wenn andere leer ausgehen.
Für das schöne Leben braucht es daher ein anderes Wirtschaftssystem. Darin soll die Produktion gemeinschaftlich organisiert werden und an den Bedürfnissen der Menschen orientiert sein.

»Was bedeutet es denn, die Produktion gemeinsam zu organisieren?

Das heißt, dass gemeinsam geplant werden muss, was wir Menschen brauchen und wie wir es möglichst effizient beschaffen. Wir müssen uns dafür eine neue Art der Organisation überlegen. Alle Beteiligten sollen ein Mitspracherecht haben, wie und unter welchen Bedingungen gearbeitet wird. Fabriken, Maschinen und Materialien gehören dann niemandem mehr und werden gemeinschaftlich genutzt. Daher wird es auch keine Chef_innen mehr geben, die 12-Stunden-Schichten verordnen können. Stattdessen werden wir weniger arbeiten, da die notwendige Arbeit gerechter aufgeteilt wird und viele Jobs wie z.B. Steuerberatung wegfallen, weil sie nicht mehr benötigt werden. Aber auch andere, ganz alltägliche Aufgaben müssen anders organisiert werden. So müssen wir beispielsweise darüber nachdenken, wie wir Pflegearbeit, die aktuell meist von Frauen* übernommen wird, fairer verteilen.

»Gibt es dann gar kein Geld mehr?

Nein, das brauchen wir dann nicht mehr. Wir organisieren unser Zusammenleben nach unseren Bedürfnissen. Wenn wir Hunger haben, gehen wir einfach in den Supermarkt und nehmen uns, was wir zuvor sinnvoll geplant und produziert haben.

»Meine Eltern haben eine Bäckerei, was passiert dann damit?

Deine Eltern können weiterhin in der Bäckerei arbeiten. Die dafür notwendige Infrastruktur, also z.B. die Öfen, die Rezepte und das Verkaufsgeschäft, gehört aber nicht mehr ihnen. All das ist von nun an Allgemeingut und es wird gemeinsam entschieden, was produziert wird.
Aus jetziger Sicht wird deinen Eltern also etwas weggenommen. Aber: Deine Eltern brauchen die Bäckerei dann auch nicht mehr, um damit Geld zu verdienen. Sie können sorgenfreier leben, ohne sich ständig Gedanken um ihr Auskommen machen zu müssen. Grundsätzlich können wir sagen: Umverteilung bringt fast allen etwas. Der Großteil der Menschen wird einfach mehr am Reichtum der Gesellschaft teilhaben können.

»Das hört sich wirklich nach sehr großen Veränderungen an. Aber was passiert dann mit den ganzen Dingen, die ich besitze?

Natürlich gibt es auch weiterhin privaten Besitz. Aber es macht Sinn, sich viele Dinge zu teilen. Beispielsweise brauchen wir doch nicht alle ein eigenes Auto, wenn es in der Nachbarschaft Gemeinschaftsautos gibt und wir kostenlos U-Bahn fahren können. In vielen anderen Bereichen des Lebens sieht es ähnlich aus. Dabei dürfen die Privatsphäre und die individuellen Bedürfnisse der Menschen jedoch nicht unter den Tisch fallen.

»Das klingt ganz vielversprechend. Aber wie sollen wir da denn hinkommen?

Das ist eine gute Frage!

Der Weg dorthin wird ein längerer Prozess, der auf jeden Fall viele engagierte Menschen braucht. Daher ist es wichtig, sich zusammenzuschließen und gemeinsam nachzudenken, wie die Umstrukturierung der Gesellschaft aussehen könnte. Viele Details sind jetzt noch schwer vorstellbar, trotzdem können wir bereits über zentrale Fragen nachdenken: Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie können wir die Ausbildung organisieren? Oder wie kann unangenehme Arbeit möglichst effizient erledigt werden? Welche Rolle werden Technologien spielen? Gleichzeitig können wir auch heute für Verbesserungen kämpfen. Dabei machen wir wertvolle Erfahrungen, können Strategien erproben und mehr Menschen motivieren, für ein besseres Leben zu kämpfen. So werden wir gemeinsam immer größere Schritte gehen können und irgendwann unseren Weg klarer sehen.

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Mehr:

„Es gibt immer was zu tun“
Ein Artikel der Straßen aus Zucker, der erklärt, wie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in Zukunft besser organisiert sein könnten.

„Wissen macht K!“
Ein Text der Straßen aus Zucker, der Argumente gegen den Kommunismus entkräftet.

Dieser Artikel erschien im Herbst 2019 in der UNTER PALMEN #5 ›Etwas fehlt‹. Du kannst diese und alle weiteren Ausgaben kostenlos bestellen sowie ein ebenfalls kostenloses Abo abschließen.
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Credits für Grafiken & Fotos: Katinka Irrlicht (irrlicht-impressions.com, Instagram @katinkastrophic)

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