Radikale Selbstliebe (Ausgabe #9)

Die Dichterin Sonya Renee Taylor gibt uns nicht nur einen Ratgeber für einen neuen, liebevollen Umgang mit uns selbst und anderen an die Hand, sondern hat eine ganze Bewegung losgetreten.

– von Lena Christoph

Wenn wir auf die Welt kommen, so Sonya Renee Taylor, befinden wir uns in einem Zustand der radikalen Selbstliebe. Erst mit der Zeit beginnen wir, uns selbst, unseren Körper sowie andere und deren Körper entlang bestimmter Vorstellungen und Erwartungen zu bewerten und abzuwerten. Mit ihrem Buch The Body is Not an Apology. The Power of Radical Self-Love beschenkt uns Taylor nicht nur mit einem praktischen Selbsthilfebuch, das zeigt, wie wir zu dieser radikalen Selbstliebe zurückkehren können, sondern verfolgt eine noch größere Vision.

Vom verinnerlichten Körperterror

Taylor nimmt uns mit auf eine Erkundung, bei der sie uns vor Augen führt, wie wir im Laufe unseres Erwachsenwerdens und weiteren Lebens schädlichen Botschaften ausgesetzt sind, die wir nicht nur verinnerlichen, sondern selbst an andere weitergeben. Durch Werbung, die uns einen idealen Körper suggeriert, rassistische Kommentare von Mitschüler_innen, verachtende Witze über queere Lebensweisen oder alltägliche Hindernisse für Menschen mit Behinderungen lernen wir, uns für uns zu schämen – sei es für unsere Behaarung, unsere Größe, Pigmentierung oder die Kleidung, in der wir uns wohlfühlen.

„Wir fangen an, uns für uns und unsere scheinbaren Makel, unser Zuwenig oder Zuviel zu entschuldigen.“

Wir fangen an, uns für uns und unsere scheinbaren Makel, unser Zuwenig oder Zuviel zu entschuldigen. Diskriminierung und Ungleichheiten, die in unseren Gesellschaften existieren, schreiben sich somit in unsere Körper ein. Taylor nennt das „Körperterror”, da sich Unterdrückung in all ihren Formen gegen unsere Körperintegrität richtet – und so in uns Angst um oder Hass gegen unsere Körper auslösen kann. Wie Zwiebelschichten, so Taylor, legt sich body shame um unsere anfängliche Selbstliebe. Doch wie können wir diese Schichten ablösen?

Eine Liebe für alle

Zur radikalen Selbstliebe zurückzukehren ist ein Prozess. Ein Prozess, der aus Reflexion und der Untersuchung und Veränderung eigener Denk- und Handlungsmuster besteht. Taylor zeigt uns diese Muster nicht nur auf, sie bietet uns auch Schritt für Schritt Unterstützung und Vorschläge, um eine liebevollere Beziehung mit uns selbst und unserem Körper einzugehen. Doch Taylors Vision ist nicht nur, Menschen bei dieser persönlichen Transformation zu unterstützen, sondern dadurch auch sozialen Wandel herbeizuführen. Denn die radikale Selbstliebe ist die Voraussetzung dafür, andere Menschen in ihrer Verschiedenheit anzunehmen und zu lieben.

„Die radikale Selbstliebe ist die Voraussetzung dafür, andere Menschen in ihrer Verschiedenheit anzunehmen und zu lieben.“

Diese neue Blickweise auf uns und andere könne zu einer gerechteren, anteilnehmenden Welt führen. Taylor hat mit dieser Botschaft bereits eine ganze Community aufgebaut – nicht nur durch ihr Buch, sondern auch mit ihrer Webseite und ihrem Social-Media-Aktivismus. Zugegebenermaßen kann dieser persönliche Prozess Ungleichheitsverhältnisse nicht von Grund auf verändern – er kann uns aber dennoch helfen, uns von schambehafteten und toxischen Bildern zu lösen, die wir gelernt haben, auf uns selbst und andere zu projizieren. Denn wir müssen uns nicht für unsere Körper oder unser Sein entschuldigen! Dieses Buch sei allen ans Herz gelegt – denn ob wir wissentlich gegen unsere oder andere Körper kämpfen oder nicht, Körperterror haben wir alle verinnerlicht.

Das Buch:

The Body Is Not an Apology: The Power of Radical Self-Love. Autorin: Sonya Renee Taylor, Berret-Koehler Publishers, Softcover: 160 Seiten, Englisch, 17,99€

Die Bewegung:

thebodyisnotanapology.com

Instagram: @thebodyisnotanapology

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