Genau Hinsehen – Was der Blick im Kino verrät (Ausgabe #2)

A Girl Walks Home Alone at Night (2014) von Ana Lily Amirpour ist ein moderner Western und Vampirfilm mit weiblicher Hauptrolle. Anhand eines Ausschnitts schauen wir uns an, wie wichtig der Blick für das kritische Verständnis von Filmen ist.

– by UNTER PALMEN

Selbstsicher geht der Pimp Saeed die dunkle Straße entlang, bis ihm plötzlich eine Frau* entgegenkommt und ihm im Vorbeigehen einen Blick zuwirft. Kurz darauf bleibt er verwundert stehen. Wir sehen seinen Rücken, er fühlt sich beobachtet und dreht sich um. Hinter ihm steht die namenlose Protagonistin und starrt ihn an. Er rückt ihr auf die Pelle und schaut sie direkt an, sie aber hält seinem Blick stand. Aus ihrem geschminkten Gesicht und der späten Stunde zieht Saeed einen falschen Schluss: Die Unbekannte muss eine Sexarbeiterin sein, er lädt sie zu sich ein. Doch wir als Zuschauer_innen wissen es besser: Die Frau* hat Saeed am Vortag dabei beobachtet, wie er Gewalt gegen eine Sexarbeiterin anwandte. Die Namenlose hat ihn dabei bedrohlich als schwarzer Schatten angestarrt, nur um dann wie durch Zauberei zu verschwinden. Doch er erkennt sie nicht wieder.
Szenen wie diese reißen uns mit, wir versetzen uns in die Handlung hinein und identifizieren uns mit der Frau* sowie mit Saeed. So beeinflusst uns Kino während dem Film, aber manchmal auch viele Tage später. Daraus erwächst eine Macht, die wir nicht unterschätzen dürfen. Insbesondere, weil Kino ein Teil unserer Realität ist und Aussagen über diese Gesellschaft macht. Egal wie abgehoben die Handlung ist, vieles erinnert uns an die Wirklichkeit. So finden sich in Filmen immer Machtverhältnisse und Ungleichheiten, die auch unser Leben bestimmen – beispielsweise wenn Frauen*rollen von den männlichen Protagonisten abhängig gemacht werden.
Es lohnt sich also, Filme kritisch anzuschauen und sich darüber Gedanken zu machen, welche Art der Gesellschaft sie darstellen. Die Handlung und die Charaktere sind dabei wichtig, doch Kino ist ein sehr visuelles Medium. Daher müssen wir auch die Art der Darstellung kritisieren, wie es feministische Filmtheoretiker_innen wie Laura Mulvey tun. Sie haben unter anderem den Blick als wichtiges Konzept für die Analyse von Filmen erkannt, woraus sie eine ganze Theorie entwickelt haben. Was es mit dem Blick – oder vielmehr den Blicken – im Kino auf sich hat, erklären wir anhand eines weiteren Ausschnitts: Die Protagonistin ist Saeed in seine Wohnung gefolgt, bleibt aber erhöht am Eingang stehen, während der Playboy eine Ebene tiefer am Couchtisch Koks zieht. Saeed hat seiner Begleitung dabei den Rücken zugewandt und lässt sich nicht anmerken, dass ihn die Zurückhaltung der mutmaßlichen Sexarbeiterin irritiert. Wir beobachten die Szene wie aus der Perspektive einer dritten Person. Er wird immer unruhiger, springt auf, lenkt sich ab. Letztlich lädt Saeed die Frau* an den Tisch ein, doch sie verneint. Dabei sehen wir immer wieder, wie ihn die Namenlose fixiert und schließlich betrachten wir Saeeds verwundbaren Rücken aus der Perspektive der Frau*. Wir blicken auf ihn herab, wie ein Raubtier auf die Beute.
Welche Blicke lassen sich hier beobachten, wer schaut also? Am offensichtlichsten sind die Blicke der Charaktere, sie schauen durch die Welt des Films und manchmal nehmen wir sogar ihre Perspektive wie in einem Ego-Shooter ein. Das bringt uns zur zweiten Kategorie von Blicken, nämlich unserem Blick als Zuschauer_innen. Aus sicherer Entfernung schauen wir auf die Leinwand oder den Bildschirm. Dabei vergessen wir unsere Umwelt. Die dritte Art von Blicken vermittelt zwischen unserem Blick und dem Blick der Charaktere – es ist der Blick der Kamera. Letztlich sehen wir, was die Kamera einmal aufgenommen hat. Wenn diese drei Blicke richtig eingesetzt werden, passiert etwas sehr mächtiges: Wir identifizieren uns mit den Charakteren des Films und fühlen uns, als wären wir Teil der Handlung. Dieser Zauber ist dann am stärksten, wenn die Blicke ineinander fallen. Gemeint ist damit, dass wir das sehen, was auch die Protagonist_innen sehen, also eine Ego-Perspektive einnehmen. Wir schauen sozusagen gerade durch die Leinwand in die Welt des Films, wir sehen mit den Augen der Charaktere. Durch diese Identifikation teilen wir auch deren Macht im Film.
Diese Verbindung des Blicks mit der Macht lässt sich nun analysieren. Wer im Film auf andere blickt, ist mächtig und aktiv; wer angeschaut wird, eher schwach und passiv. Machtverhältnisse zwischen den Charakteren werden also auch durch Blicke dargestellt. Und weil Filme eben in die Gesellschaft eingebunden sind, ergeben sich oft Muster, die wir nur allzu gut kennen: Wir erleben den Film aus der Perspektive des männlichen Protagonisten, der die Handlung aktiv bestimmt, während die weiblichen Charaktere angeschaut werden und vom Handeln des Protagonisten abhängig sind. Oft sind Frauen* im Film Zierde, lediglich der Auslöser für männliches Handeln oder gar die Belohnung. Der Blick im Film ist deshalb vor allem männlich charakterisiert. Doch nicht nur das Geschlecht ist hier die Basis für Ungerechtigkeit, auch Hautfarbe, soziale Schicht und andere Kategorien spielen eine Rolle. Doch die Filmlandschaft verändert sich ständig und jeder Film muss eigenständig analysiert werden. Welche Machtverhältnisse lassen sich also aus den Blicken in unserem Beispiel ableiten?
Es gibt einen Widerspruch zwischen der Gelassenheit Saeeds und dem Blick, den die stille Frau* auf ihn richtet: Saeed ist von seiner Macht überzeugt, denn er scheint körperlich überlegen und ist der Meinung, dass die Frau* seinen Wünschen gehorchen wird. Doch es ist die Protagonistin, die ihn ständig anstarrt und dies auch hinter seinem Rücken tut. Ihre erhöhte Position in der Wohnung macht das Kräfteverhältnis noch deutlicher: Sie ist ihm überlegen und es ist ihr Spiel, das gespielt wird. Saeed interpretiert dieses Machtspiel als eine Art Verführung und versucht immer wieder, ihren Blick mit seinem zu begegnen. Letztlich berührt er sie und die Unbekannte scheint darauf einzugehen, denn sie öffnet sinnlich ihren Mund. Doch dann wird das Geheimnis gelüftet: Sie offenbart ihre Vampirzähne – Überraschung! Saeed hält das für ein Spiel und steckt ihr seinen Finger in den Mund, wodurch sein Schicksal besiegelt scheint. Tatsächlich beißt die Vampirin jetzt seinen Finger ab, wobei sie Saeed hasserfüllt anschaut. Er sinkt zu Boden, die Frau* steht über ihm. Nun steckt sie ihm seinen abgetrennten Finger in den Mund, danach saugt sie sein Blut aus. Die Situation hat sich radikal gewendet.
Die kurze Intimität war also nur eine Falle der Vampirin, damit Saeed jede Vorsicht vergisst. Indem wir das Verhältnis der Blicke analysiert haben, war uns schon vorher klar, wer die Macht im Zimmer tatsächlich hat. Der Blick der Frau* von oben auf Saeeds Rücken war die entscheidende Einstellung. Zugleich ist das der einzige Moment, in dem unser Blick mit dem Blick eines der Charaktere zusammenfällt: Wir sehen als die Frau*. Die besprochene Szene ist deshalb reizvoll, da sie mit gesellschaftlichen Normen spielt und teilweise damit bricht: Nicht der Freier ist hier der Starke, sondern die Protagonistin. Abschließend können wir also festhalten, dass Filme durchaus politisch sind und wir sie deshalb kritisch hinterfragen müssen. Neben der inhaltlichen Ebene ist dabei die Bildgestaltung entscheidend. Also: Schauen wir genau hin, lasst uns die Unterdrückung von Frauen* im Film erkennen – und auch Ausnahmen hervorheben!

Mehr:

Feminist Frequency
Ein empfehlenswerter YouTube-Channel.

Visuelle Lust und narratives Kino
Buch von Laura Mulvey.

Alice Doesn’t: Feminism, Semiotics, Cinema
Essay-Band von Teresa de Lauretis.

Camera Obscura. Feminism, Culture and Media Studies
Eine wissenschaftliche Zeitschrift, deren Ausgaben online verfügbar sind.

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