Warum Feminismus antikapitalistisch sein muss (Ausgabe #2)

Warum Feminismus mehr als Frauenquoten und gleicher Lohn ist, was der Kapitalismus damit zu tun hat und woher eigentlich der Blödsinn kommt, dass Frauen* für den Haushalt zuständig sein sollen.

by UNTER PALMEN

Feminismus bedeutet für uns Gesellschaftskritik, deshalb ist er für uns auch untrennbar mit Gesellschaftsveränderung verbunden. Eine andere Gesellschaft, die keinen Geschlechterunterschied (mehr) kennt, muss mit Staat und Kapital brechen. Warum es einen antikapitalistischen Feminismus braucht, wollen wir in diesem Text erklären.

Zur Geschichte

Oft wird argumentiert, dass das Patriarchat (die Vor- herrschaft von Männern*) seit seiner Entstehung immer gleich geblieben ist – also die Unterdrückung von Frauen* ohne Veränderung immer in gleicher Form bestanden hat. Das stimmt allerdings nicht: Mit der Entstehung des Kapitalismus – die Gesellschaftsform in der wir leben – hat sich das Patriarchat mit diesem zu einer neuen Form der Unterdrückung zusammengeschlossen. Wir wollen versuchen, das ganz kurz zu erklären. Während in vorbürgerlichen Zeiten häufig davon ausgegangen wurde, dass Frauen* einfach unvollständige Männer* sind, wird mit der Enstehung des Kapitalismus von zwei verschiedenen Arten von Menschen ausgegangen. Aber warum?
Im Kapitalismus wird die Gesellschaft in zwei Bereiche aufgeteilt: das Private und das Öffentliche. Diese beiden Bereiche sind vergeschlechtlicht, das heißt jeweils einem Geschlecht zugeordnet. Dabei ist das Private, der Haushalt, der Bereich der Frau* und die Öffentlichkeit der Bereich des Mannes*. Es wird also behauptet, dass der natürliche Platz von Frauen* der Haushalt und der von Männern* Wirtschaft und Politik ist. Diese angebliche „natürliche Ordnung“ wird mit den verschiedenen Wesen der Geschlechter argumentiert: Sie seien zwei verschiedene Arten von Menschen und würden grundsätzlich anders denken, handeln und fühlen.
Den beiden Kategorien Mann* und Frau* wurden also verschiedene Eigenschaften zugeschrieben. Diese Eigenschaften kennen vermutlich alle: Männer* sind rational, hart und so weiter, während Frauen* hingegen emotional, irrational und weich sind. Diese zwei Wesen seien also grundsätzlich verschieden und gegensätzlich. Gleichzeitig sind alle Eigenschaften, die nicht männlich sind, automatisch weiblich. So werden alle Eigenschaften, die Männer* nicht haben dürfen und nicht haben wollen, verleugnet und auf Frauen* übertragen. Das bedeutet, dass Männer* nur in Abgrenzung zu Frauen* richtige Männer* sein können. Der bürgerliche Mensch als Ideal ist damit immer Mann*. Aufbauend auf schon bestehende patriarchale Verhältnisse entwickelt sich also im Kapitalismus eine neue Form der patriarchalen Herrschaft.

Das Private – Die Reproduktion

Mit der bürgerlichen Gesellschaft entsteht auch die bürgerliche Kernfamilie – das Private. Alles, was dort an (Haushalts)arbeit anfällt, wird jetzt in den Aufgabenbereich von Frauen* gestellt. Kurze Zwischenbemerkung: Dieses Familienmodell setzt sich in der kompletten Gesellschaft erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch. Die meisten Menschen waren gezwungen, Lohnarbeit auszuführen, nur in der bürgerlichen Gesellschaftsschicht war anfangs diese Form der Familie möglich. Erst später wurde es möglich, dass alle Teile der Gesellschaft die Kernfamilie als Ideal übernehmen. Aber zurück zum Thema: Die Arbeit im Haushalt für die Familie schließt das ein, was allgemein unter Reproduktion verstanden wird: Pflege, Kochen, Putzen, Waschen, Kindererziehung, und so weiter – alles, was Menschen wieder fit für Lohnarbeit macht oder sie darauf vorbereitet. Gleichzeitig schafft diese Tätigkeit keinen Wert, denn es wird ja nichts verkauft. Im Sinne von Profiterwirtschaftung ist sie deshalb nutzlos. Das ist auch der Grund warum so wenig über sie geredet wird. Sie gilt praktisch nicht als „echte“ Arbeit. Ohne die Reproduktionsarbeit in der Familie wäre es aber gar nicht möglich, dass der Kapitalismus so funktioniert, wie er funktioniert. Sie ist also unersetzlicher Teil des Kapitalismus, ohne sie geht gar nichts.

Aber ganz so schlimm ist das doch alles nicht mehr?

Natürlich hat sich viel geändert. Frauen* können beispielsweise arbeiten, wählen und Abtreibungen wurden zumindest teilweise entkriminalisiert. Mit dem Neoliberalismus und seiner Flexibilisierung der einzelnen Personen scheint es sogar auf den ersten Blick, als ob die Kategorie Geschlecht doch gar keine Rolle mehr spielen würde. Das erweist sich jedoch als Blödsinn: Geschlechtsspezifische Waren boomen wie noch nie und Pflege-, Erziehungs- und Reproduktionsarbeit machen immer noch hauptsächlich Frauen*. Zusätzlich müssen sie auch noch einen bezahlten Job haben – also Lohnarbeit ausführen. Einerseits schafft das zwar Unabhängigkeit, andererseits kommt es zu einer doppelten Unterdrückung. Gleichzeitig bekommen Frauen* weniger Lohn, sind unterrepräsentiert und am Arbeitsmarkt benachteiligt. Bei genauerem Hinschauen gibt es also wichtige Veränderungen, die Grundstruktur aber ist immer noch die gleiche. Was sich ein wenig verändert hat, aber immer noch im Großen und Ganzen gleich geblieben ist: Das Denken von zwei Geschlechtern, die anders denken, handeln und fühlen.
Feministische Kämpfe haben das Leben vieler Menschen um einiges leichter gemacht. Dass diese Dinge erkämpft werden mussten, heißt auch, dass sie immer verteidigt werden müssen. Im jetzigen Zustand der Gesellschaft sind sie ständig in Gefahr und können auch schnell wieder zurückgenommen werden. Gleichzeitig gilt es weiterzukämpfen. Aber: Ein Feminismus, der nur auf eine unsichere Gleichstellung im Job aus ist, ist verkürzt. Er übersieht die Verbindung von Sexismus und Kapitalismus.
Daher muss für uns Feminismus immer auch antikapitalistisch sein. In einer befreiten Gesellschaft muss Erziehungs-, Pflege- und Hausarbeit von allen übernommen werden. Dafür ist die Überwindung des Kapitalismus und des Patriarchats unerlässlich – und das bedeutet gleichzeitig auch die Überwindung der Kategorien von Mann* und Frau*.

Mehr:

Polarisierung der “Geschlechtscharaktere” – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben
Ein Aufsatz von Karin Hausen, gibts online hier zu finden.

mole #3 Feminismus
Dritte Ausgabe des Magazin von ..umsGanze!, gibts online hier zu finden.

Der Wert ist der Mann – Thesen zur Wertvergesellschaftung und Geschlechterverhältnis
Ein Thesenpapier von Roswitha Scholz, gibts online hier zu finden.

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