Zuhause im eigenen Körper? (Ausgabe #6)

Ein Selbstgespräch über Weiblichkeit und Widerstand.

by Anna Klamm

Irgendwo bin ich Frau, aus Gewohnheit und aus Zwang. Gleichzeitig würde ich mich dem gerne entziehen. Mein Körper steht dabei im Zentrum des Konflikts, er ist kein Zuhause sondern ein Schlachtfeld. Bin ich weiblich, oder bin ich es nicht? In meinem Kopf tobt ein ewiges Hin und Her.

Alex: Mir reichts – Ich rasiere mir wieder die Haare ab und binde mir den Busen weg. Wo ist mein Binder? Ich spiel nicht mehr mit.

Anna: Schon wieder? Das hatten wir doch gerade erst.

Alex: Überrascht dich das jetzt wirklich?

Anna: Überraschen tut es mich nicht. Ich wundere mich nur, dass du diesen Wunsch nach all den Jahren immer noch hast – Woche für Woche.

Alex: Ich kann nichts dafür, dass die Welt so ist. Ich will mich nicht herumschubsen lassen. Ich will keine Frau sein! Nein. Ich bin keine. Ich hab Brüste, eine Vulva und schmale Hände, na und? All die Bilder von Weiblichkeit – ich finde mich darin nicht wieder. Ich mag Blumenpressen, aber ich mag auch Holzhacken. Ich steh auf trashige Boygroups, aber genauso auf trashige Actionfilme. Der ganze Scheiß, der zum Frausein gehört, er kann mir gestohlen bleiben: brav sein, immer Rücksicht nehmen, ja nicht laut werden. Das ist Wahnsinn.

Anna: Schon, aber so geht es doch sehr vielen Frauen? Fast alle machen sich Sorgen, ob sie weiblich genug sind, ob sie passen. Niemand ist 100 Prozent Frau. Weiblichkeit ist ein unerfüllbares Ideal.

Alex: Das ist ja das Problem. Dieses Ideal wird uns aufgezwungen und wir leiden darunter. Von Geburt an werden wir in ein Geschlecht gepresst und entsprechend behandelt. Egal ob in der Schule, in der Arbeit oder  in der Familie, es gibt kein Entkommen. Wer sich nicht fügt, erntet schräge Blicke von Kollegen, Hausarrest von den Eltern, Kopfschütteln von Ärzten. Im schlimmsten Fall muss man mit körperlicher Gewalt rechnen. Anderssein wird hoch bestraft. Ich will da dagegenhalten. 

Anna: Ich sehe deinen Punkt. Dass ich mich als Frau bezeichne heißt nicht, dass ich toll finde, was das bedeutet. Im Gegenteil. Wenn ich mich als Frau bezeichne, hilft mir das, mich mit anderen zusammenzuschließen. Mit anderen, denen genau das zu schaffen macht, was auch dich quält. Mich und andere Frauen verbindet, dass wir zu Frauen gemacht wurden. Uns verbindet, dass wir unter dem selben Unsinn leiden.

Alex: Frausein also als etwas, das man sich aneignet, um gegen all den Unsinn, von dem man betroffen ist, anzukämpfen. Das verstehe ich. Aber ist es nicht wichtig, dass es Geschlechter jenseits von Mann und Frau gibt? Alleine deren Existenz wirkt doch befreiend.

Anna: Schon. Ich freu mich oft sehr, wenn ich Menschen sehe, die mit ihrem stereotypen Geschlecht brechen. Du weißt, wie gerne ich auf Dragshows gehe. Gleichzeitig glaube ich, es hilft nichts, einfach eine Vielzahl an Geschlechtsidentitäten zu schaffen. Die Suche nach einer problemlosen Identität ist endlos und geht am Kern der Schwierigkeiten vorbei. Es ist unmöglich, eine Identität zu finden, der man vollends entspricht, und viel Diversity bringt noch keine Ende von Unterdrückung. Letztlich müssen wir, Frau Anna ebenso wie Agender Alex, die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bekämpfen. Ich persönlich will mich für diesen Kampf mit anderen Menschen unter dem Begriff Frau vereinen. Ich bin eine Frau, nicht, weil ich Ponys und Rosa mag. Ich bin eine Frau, weil ich kein Mann bin und deswegen benachteiligt werde. Gleichzeitig bin ich so viel mehr.

Alex: Ich stimme dir zu und will trotzdem nicht Frau genannt werden. Ich weiß, Frausein kann auch bedeuten, widerständig zu sein. Trotzdem fühlt es sich falsch an, mich als Frau zu bezeichnen. Ich bin das nicht.

Anna: Ja, das kann ich nachvollziehen. 

Alex: Aber mir kommt vor, wir wiederholen uns. Ist ja nicht das erste Mal, dass wir dieses Gespräch führen. Es gilt also weiterhin Widersprüche auszuhalten. Davon will ich mich aber nicht stoppen lassen, mit dir gemeinsam für ein besseres Leben zu kämpfen.

Mehr:

Feministisch Streiten – Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen
Ein Sammelband herausgegeben von Koschka Linkerhand.

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